Sohbat Sheikh Hassan
Juma, 2. Oktober 2026, Osmanische Herberge Kall
Ob wir es wissen oder nicht, ob wir es begreifen oder nicht, ob es in unser Bewusstsein eindringt oder nicht — wir vertrauen. Uns bleibt nichts als das Vertrauen auf Allah, das Vertrauen auf den Propheten, sallallahu alayhi wa sallam, und das Vertrauen direkt auf unseren Sheikh, dass er uns korrigiert.
Dafür ist die Tariqat da. Dafür ist das Leben da, eines jeden Menschen, und ausdrücklich für Muslime — damit sie sich entwickeln und verbessern, so wie der Prophet ﷺ es uns gelehrt hat. Dafür ist die Tariqat zuständig. Dazu muss man sich in die Hände eines Murshids, eines Seelenarztes und Experten begeben, der den Weg kennt, vom Anfang bis zum Ende — und das Ende ist im Anfang verschlungen. Wenn jemand den Weg betritt, dann ist das Ende sozusagen schon prädestiniert, es ist schon im Anfang enthalten.
Und dann ist die Arbeit. Früher haben wir das so genannt, Arbeit. Als wir zum ersten Mal mit Sufitum in Verbindung kamen, mit unserem ersten Sheikh, in seiner Tariqat, hieß das, wenn man initiiert wurde: „Er kommt in die Arbeit.“ Das ist interessant. Das hieß immer so. „Er wurde aufgenommen in den Orden“ hieß, „Er kam in die Arbeit.“ Arbeit ist uns fern. Arbeitslos ist unser Ziel. Hartz IV und V und VI, InshaAllah. Arbeit — das klingt ja nach Arbeit. Es ist Arbeit. Es ist Arbeit. Es ist Arbeit an uns selbst.
An jedem Einzelnen ist ja eine Arbeit, eine ernstzunehmende Aktion — es überhaupt wahrzunehmen. Und he mehr man die wahrnimmt — und man muss sie wahrnehmen, um das zu steigern, und um sicherzustellen, dass es richtig geführt wird, im richtigen Verhältnis — desto mehr ist der Sheikh, der Begleiter, der Trainer da. Dazu ist der Trainer da, der uns trainiert, der uns Ratschläge gibt — „ad-Din an-Nasihah,“ nach dem Worte des Propheten ﷺ —, der uns aufrichtigen Rat gibt in seinen Sohbats, die jeden Tag in alle Welt verstreut werden und über die wir benachrichtigt werden, in allen Sprachen. Und auch wenn man persönliche Anliegen hat, kann man und soll man — manchmal muss man — zum Sheikh gehen, zum Murshid gehen und ihn nach Entscheidungen fragen.
Und das Wichtigste ist, dass er am Herzen arbeitet, was man oft nicht wahrnimmt, oder meistens nicht wahrnimmt. Und wir — worin besteht unsere Arbeit? Uns zu beobachten. Der erste Befehl sozusagen — oder die Empfehlung oder Befehl, von diesem ersten Sheikh, den ich gerade erwähnt habe, damals, 1973, 1974, als man in die Arbeit kam, aufgenommen wurde, initiiert in den Orden — der erste Befehl war: „Beobachte deine negativen Gefühle.“ Das war’s — erstmal. Ansage des Sheikhs.
Beobachte deine negativen Gefühle. Also, sich selbst zu beobachten, ist ein wichtiger Faktor — und dass man es dann einordnet. Und dann wird das bearbeitet. Es gibt keinen Grund, negativen Gefühlen zu folgen, sie zu ernähren, sie zu vergrößern, sie auszubauen und immer negativer zu werden. Der ganze Quran, der heilige Quran, ist voll davon — also vom Gegenteil. Und so wie wir gesagt haben, das größte Geschenk ist der Iman. Es gibt keinen Grund, sich zu fürchten vor irgendwas — außer die Furcht vor Allah, das ist was anderes —, sich zu fürchten vor irgendwem oder irgendwas, was in diesem Leben passiert oder nicht passiert, in diesem materiellen Leben.
Und es gibt auch keinen Grund, traurig zu sein, weil es ohne Ende Grund gibt, glücklich zu sein — ohne Ende glücklich zu sein. Und dein Wesen und deine Seele sind da, auf dieser Durchreise zum Glück ohne Ende, um sich zu verbinden mit der Glückseligkeit ohne Ende. Da gibt’s kein Ende, und es gibt nur Steigerung da drin. So wird das Akhira beschrieben — es gibt nur Steigerung. Aber das soll schon hier passieren. Das kann schon hier passieren. Der Sheikh und die Heiligen sind unsere Beispiele. Die Propheten und die Heiligen sind unsere Beispiele, dass das schon im Leben passieren kann.
Und dazu muss man seinen Stolz aufgeben. Seinen Stolz, seinen Neid, seine Missgunst, seine Negativität — in jeder Hinsicht gibt es sehr viele schlechte Charaktereigenschaften, schlechte Charakterzüge, und die muss man beobachten. Und wenn man sie beobachtet, meistens, wenn man sie durchschaut, wenn man sie tatsächlich durchschaut, dann beginnt schon die Auflösung dieses schlechten Charakterzugs. Wenn man den wirklich erkennt und dann die Schlechtigkeit erkennt, und die Nutzlosigkeit, diese ganze Negativität erkennt, dann fängt schon die Auflösung an, die Auflösung dieses schlechten Charakters, die Auflösung des schlechten Geruchs sozusagen, den man mit sich trägt, wenn man einen schlechten Charakter hat — es beginnt schon, sich zu wandeln und aufzulösen, wenn man es beobachtet.
Und dann helfen uns die guten Taten, zu denen uns der Sheikh immer jeden Tag ermuntert. Und die guten Taten sind die, in denen du dem Propheten ﷺ folgst. Sein Leben besteht aus guten Taten, kann man sagen. Sein gesamtes Leben besteht ausschließlich aus guten Taten. Also was willst du? Was willst du? Es ist perfekt.
Und es ist auch nicht unbedingt nötig, alte Religionen zu suchen, weil das umständlich ist. Es ist umständlich. Es gibt nur Allah. Da müssen sich alle einig sein. Auch alte Religionen sind sich einig darüber, dass es nur einen Gott gibt — einen Herrn, einen Schöpfer — der Rest ist Schöpfung. Und es hat Ihm gefallen, Allah, subhana wa ta’ala, den letzten Propheten ﷺ zu schicken, den Er als Erstes erschaffen hat und als Letztes in die Welt geschickt hat — als Abschluss allen Prophetentums hat Er ihn in die Welt geschickt. Mit was? Mit der Perfektion. Er hat es korrigiert und perfekt gemacht. Allah selber sagt es: „Ich habe es euch jetzt gegeben. Perfekt.“
Warum muss ich jetzt da gucken, nach Indien fahren und verschw-Indien, und jetzt da suchen? „Nein, ich bin ein Sucher und es ist mehr trendig, nach Indien ist trendig, Islam ist nicht so trendig, es ist nicht so fashionable. Im Gegenteil, Islam ist eigentlich ganz furchtbar. Das darf man gar nicht laut sagen — wenn du sagst ‚Islam’, dann ist es ja furchtbar. Also gehe ich lieber nach Indien verschw-Indien, das ist okay. Hippie, happy, hippy — und dann suche ich da.“
Nee, nee, es liegt vor dir. Es liegt klar vor dir — die Schönheit, die Klarheit, die Kraft, das Licht, die Richtigkeit aller Dinge, deine Entwicklung, deine Liebe zu Allah. Was willst du denn, Menschenkind? Was willst du? Du stirbst. Das ist sicher. Das ist das Einzige, was sicher ist. Ob morgen noch Hartz IV funktioniert, und ob mein Job noch da ist, und ob ich verreise, ob ich gesund bin, ob ich zu essen habe, zu trinken habe, ist alles ungewiss — kann sein, kann auch nicht sein. Eins ist sicher: Dein Leben hört auf. Dein materielles Leben hört auf — die Hülle, in der du jetzt steckst, in der deine Seele jetzt gefangen ist. Und die wartet schon drauf, befreit zu werden — die Seele —, die freut sich schon. Die freut sich schon darauf, wenn der Käfig aufgeht und der Vogel raus kann. Da wartet sie schon drauf — auf diese Befreiung. Und die findet statt. Wir haben jetzt noch keinen gesehen, bei dem das nicht stattgefunden hat. Also das ist eins, was sicher ist.
Und dann? Und dann, wo willst du hin? Du kommst zurück zu deinem Schöpfer, zu diesem Einen. Und Der hat dir den besten Weg gezeigt. Und Der hat dir Perfektion gegeben, hat dir alles gegeben — alles. Er hat nicht gesagt, „Ich behalte was zurück und so. Nee, nee, ich gebe euch Rätsel auf — nicht nur Kreuzworträtsel, sondern überhaupt Rätsel. Wir machen Rätselraten im Computerspiel. Na komm. Ich bin Allah, ich kann euch solche Sachen geben …“
Nee, Allah hat uns alles gegeben, in Seiner Großzügigkeit. Alles. Sagt nicht: „Nee, aber…“ Nein. Sagt nicht „nee“ und sagt nicht „aber“. Sagt „Danke“. Sag „Danke“. Vor allen Dingen dafür, dass Er uns verzeiht und uns immer Chancen gibt, trotz unseres Ungehorsams; dass Er uns verzeiht und uns eine zweite Chance gibt — noch einen Tag, noch eine Gelegenheit, noch mehr, noch mehr.
Und du vergibst dem anderen nicht, du vergibst deinem Bruder nicht, vergibst dieser Person nicht, die dir irgendwann mal was getan hat, auf den Schlips getreten ist — ah, Schlips haben wir ja nicht, auf den Zeh —, der dir auf den Zeh getreten ist, dem vergibst du nicht? Und der ist von Allah. Jeder Mensch ist von Allah. Jeder ist von Allah erschaffen und du vergibst dem nicht, der Kreatur? Warum wohl nicht? Warum?
Das ist der Grund (warum deine Seele gefangen ist). Das würde dich befreien — jemandem zu vergeben, allen zu vergeben. Das würde dich befreien, das würde dein Herz frei machen. „Nein, nein, ich kann ihm nicht vergeben, nein.“ Ja klar, dein Ego kann dem nicht vergeben — dein Stolz, deine Beleidigtheit, deine Verletztheit — das ist ganz einfach.
Und Allah verzeiht dir. Aber du verzeihst ihm (dem Bruder) nicht. Und du sollst so sein wie Allah. „Sei Rabbani,“ hat unser Sheikh gesagt.
„Seid Rabbani“
(Quran 3:79)
Was heißt das? Sei wie dein Herr. Das sagt Allah, subhana wa ta’ala, selber: „Sei Rabbani, sei wie Ich. Sei wie Ich, komm zu Mir. Sei wie Ich. Sei Mein Freund. Ich will gar nicht, dass du (leidest). Ich will dich lieben. Ich liebe dich. Und du sollst Mich lieben …“ — wir sollen Freunde sein, Verliebte sogar — „Komm, sei Rabbani. Widerspiegele in deinem Herzen Meine Attribute, Meine Manifestation, Meine schönen 99 Namen und endlose Namen.“
Was für eine frohe Botschaft. Was für eine herrliche Botschaft. Herr-lich — das ist ein schönes Wort im Deutschen. Möge Allah uns Einsicht geben und uns in die Lage versetzen, dem Sheikh zu folgen und von ihm zu nehmen — von Herz zu Herz, InshaAllah.
Wa min-Allahi at-taufiq, bi hurmati
Al-Fatiha.
