Sohbat Sheikh Hassan
Juma, 9. Oktober 2026, Osmanische Herberge Kall
Musa: Was ist der Sinn des Lebens?
Sheikh Hassan: Der Sinn des Lebens ist, Allah zu dienen – sagt Allah, subhana wa ta’ala, Selber: „Ich habe die Menschen und Jinnen nur erschaffen, um Mir zu dienen.“ Alles kommt von Allah, subhana wa ta’ala. Er ist der Erschaffer, und die Schöpfung ist in Seinem Dienst, sozusagen. Alles, was passiert, alles, was in Existenz, in vorübergehende Existenz kommt – und auch das, was sich in ewiger Existenz befindet – ist von Ihm. Von Allah, durch Allah und zu Allah. Inna lillahi wa inna ilayhi raji’un. Alles, was es gibt, alles, was wir wissen und alles, was wir nicht wissen – das ist das meiste, oder fast alles – ist von Allah, durch Allah, zu Allah. Das ist der Sinn des Lebens.
Der Sinn des Lebens ist es, in dieser Schöpfung zu sein, ein Teil dieser Schöpfung zu sein. Daud (David), alayhi salam, hat gefragt: „Ya Allah, oh unser Schöpfer, warum hast Du diese Schöpfung erschaffen? Warum? Was ist der Grund?“ Und Allah hat gesagt:
„Ich war ein verborgener Schatz, und Ich wollte erkannt werden.“
(Hadith Qudsi)
Also ist es der Sinn des Lebens, Allah zu erkennen. Oder du kannst auch sagen, der beste Dienst – was ist der beste Dienst, wenn Allah sagt: „Ich habe Menschen und Jinnen erschaffen, um Mir zu dienen“? – der beste Dienst ist, Ihn zu erkennen; das ist der beste Dienst. Wie kannst du Ihn erkennen? Da gibt es natürlich ein Organ im Menschen, das eigens dafür erschaffen ist, Ihn zu erkennen. Allah sagt ja nicht: „Du musst Mich erkennen und so. Guck auf deine Füße und dann wirst du Mich erkennen.“ (Sheikh Hassan schaut mit amüsiertem Gesichtsausdruck auf seine Füße.) Aber ich erkenne nichts außer meinem Fußpilz. Nichts.
Allah ist vollkommen, natürlich, und hat Vollkommenheit erschaffen. Und wenn Er etwas sagt, dann hat Er alle Mittel dazu gegeben. Alle Mittel, Allah zu dienen, hat Er gegeben. Alle, auf jedem Level. Da gibt es tausend Levels, Millionen Levels – es ist unbekannt, die Zahl der Levels, der Niveaus – und auf jedem Niveau gibt es Dienst. Und für alles hat Er gesorgt, damit du Ihm dienen kannst. Auch mit den Füßen kannst du Ihm dienen – wo du hingehst, warum du wohin gehst –, mit der Hand kannst du Ihm dienen, mit deinen Gliedmaßen kannst du Ihm dienen. Aber der höchste und liebste Dienst – das ist eben verschieden, da gibt es von unterstem Level bis zum obersten Level – und der höchste Dienst ist der, Ihn zu erkennen.
Denn von der Erkenntnis hängt die Qualität des Dienstes ab. Womit erkennst du Allah, subhana wa ta’ala, oder etwas von Ihm – ein Tajalli, eine Manifestation von Ihm? Oder man kann auch sagen: Er schenkt dir, gibt dir einen Seiner 99 schönen Namen – oder mehr Namen, einen Seiner Namen –, damit du ihn kennenlernst. Womit? Das Organ der Erkenntnis ist das Herz – nicht der Kopf. Es ist das Herz. Und das Herz – so sagen sie, diejenigen, die es wissen, und die es erleben und erlebt haben – muss rein sein, um Allah zu erkennen. Sonst kann man Allah nicht erkennen, wenn man gemischt ist, wenn das nicht rein ist. Das Gegenteil von rein ist ja gemischt. Rein heißt ja „nur“. Auf Deutsch heißt es „nur“ und auf Arabisch heißt es „Nur“. Nur. Licht. Rein ist Licht. Reinheit. Einheit. Oder du kannst sagen: „Nichts anderes.“ Alles ist ausgeschlossen.
Bei uns ist gemischt. Bei uns ist ein Gemischtwarenladen. Da kriegt man alles – Kaugummis, Kartoffeln, Tomaten. Und wenn die nicht gekauft werden, werden die auch mal schlecht – die Tomaten und die Kartoffeln. Und da ist Faulheit, sozusagen… es ist gemischt. Das kann nicht sein. Es muss rein sein – um Allah zu erkennen, muss es rein sein. Deswegen sind wir darum bemüht. Der Sheikh fordertuns auf, uns darum zu bemühen und Anstrengung hineinzulegen, ein reines Herz zu bekommen. Er verkündet, dass nur ein reines Herz Allah erkennen und eine Seiner endlosen Eigenschaften erkennen kann. Die widerspiegeln sich.
Du bist wie ein Spiegel. Dein Herz ist ein Spiegel. Eigentlich ist dein Herz ein Spiegel – weiter nichts. Du bist ein Spiegel. Du sollst ein Spiegel sein. Und dieser Spiegel, der spiegelt nur, wenn er rein ist, wenn er blank ist. Sonst spiegelt der ja nicht. Er kann nicht spiegeln – wenn er verrostet ist, vernachlässigt, dreckig, verdunkelt, dann kann er nicht spiegeln. Und er soll spiegeln. Manchmal spiegelt er ein bisschen. Wenn da schon so ein bisschen, ein paar Stellen sauber sind, dann spiegelt er, dann kommt was durch – man ahnt etwas davon. Aber es soll 100% spiegeln, wie in den Heiligen. In den Heiligen ist 100% Spiegelung. Eins zu eins Spiegelung. Beispielsweise von Allahs Barmherzigkeit. Von Allahs Gnade. Von Allahs Ghafur, Rahim – der Vergebung. Der Vergebende, der Liebende, der Großzügige, und, und, und…
Das kannst du nachlesen. Überall stehen die, das kann man nachlesen. Die 99 schönen Namen Allahs, von Al-Ghazali – da gibt es ein Buch von ihm, in dem alle Namen drinstehen. Der Großsheikh hat die Namen beschrieben. Und die sollen in den Menschen auftauchen – das ist sein Dienst; dazu ist der Mensch erschaffen. Der Sinn des Lebens ist das – genau das. Das ist der Sinn des Lebens – sonst wärst du ja nicht geboren, du bist dazu geboren.
Und der Grund, warum das so ist … naja, das ist unergründbar für uns. Aber Allah, Jalla Jalaluhu, hat gesagt: „Wenn es nicht für Habibullah ﷺ, für meinen Geliebten wäre…“ Der größte Spiegel, und beste Spiegel, und mehr als Spiegel ist Rasulullah, sallallahu alayhi wa sallam – er ist von Ihm Selbst, von Seinem eigenen Licht. „…Wenn es nicht für ihn ﷺ wäre, hätte ich das alles nicht erschaffen. Dann hätte ich keine Schöpfung gemacht, keine Natur, auch keinen Menschen, keinen Jinn.“ Das ist der Grund. Der Grund ist die Liebe zum Propheten ﷺ, Allahs Liebe zum Propheten. Das ist der Grund. Er liebt ihn so. Er liebt ihn, Er gibt von Seiner Liebe, es ist unergründlich, ich meine, wir können tagelang und wochenlang darüber reden, wir werden nirgendwo hinkommen – oder ich jedenfalls nicht. Es ist eine Liebe, die Allah gibt.
Alles ist aus Liebe. Jedes Atom ist aus Liebe. Jedes Atom schreit Liebe und drückt Liebe aus – jedes Atom und alles, was kleiner ist als ein Atom. Und die Wissenschaft hat festgestellt, dass es zwischen den Atomen riesige Freiräume gibt – im Menschen zum Beispiel. Die Wissenschaft ist ja auch, MashaAllah, unsere Wissenschaft. Riesige Freiräume, Riesendistanzen, ohne Ende Distanzen. Das geht eigentlich gar nicht. Aber das sind Riesendistanzen zwischen denen, wo man gar nichts zu sagen kann – zwischen diesen Milliarden Atomen, die wir haben. Es gibt also Geheimnisse, die hören nicht auf. Die hören nicht auf.
Aber den Grund hat Allah genannt, Jalla Jalaluhu: „Wenn es nicht für dich gewesen wäre (oh Muhammad) – wenn es nicht für dich ist, wenn du nicht wärst, wenn meine Liebe zu dir nicht wäre –, dann würde Ich das alles nicht erschaffen. Ich erschaffe es nur aus der Liebe heraus zu dir – um dir mehr zu geben, mehr Liebe zu geben, mehr Liebe, mehr – und damit diese Schöpfung, die Ich erschaffe, dich preist und dir mehr Lob spendet, mehr Liebe gibt.“
Zur Steigerung der Liebe, oder? Ja. Das ist der Grund. Und daraus ergibt sich der Sinn unseres Lebens.
Jeder ist unterschiedlich und hat seinen Charakter, das kannst du sehen. Es gibt ja nicht zwei gleiche Charaktere – die sind alle unterschiedlich. Und jeder hat dann noch speziell seine Aufgabe, seine Hauptaufgabe. Es gibt Dinge, die sind für alle Menschen gleich. Und dann gibt es Dinge, die sind unterschiedlich – die sind einmalig. Das ist Allah, subhana wa ta’ala. Es gibt all das, was gleich ist, und dann gibt es Dinge, die sind einmalig. Dazu gehört zum Beispiel der Mensch – er ist einmalig. Du bist einmalig. Es gibt nur einen Musa. Abgesehen von Moses, alayhi salam, gibt es nur dich als Person – einmal, nicht zweimal. Nicht zweimal – es gibt gar nichts zweimal. Alles ist Einmal, in Wirklichkeit. Es ist alles Einmal. Alles weist hin auf Allah subhana wa ta’ala. Alles.
Das sollen wir erkennen. Wir als Menschen sind dazu erschaffen, das zu erkennen, auszudrücken, zu leben, zu dienen, zu machen, zu tun – nur der Mensch. Der Mensch ist dazu auserwählt, das klarzumachen; er kann alles ausdrücken, kann alles machen, in dieser Hinsicht – alles – alles sagen darüber, alles wissen darüber. So wie der Prophet ﷺ alles weiß darüber – alles. Und dann ohne Ende Levels, ohne Ende darajat (Stufen) – darajat, darajat, darajat –, bis Sayyidina Muhammad. Danach gibt es kein Level mehr. Das ist die Einstellung.
Wir sind nichts, wissen nichts und können nichts. Wir haben unseren Weg und unsere täglichen Aufgaben und erledigen sie mit dieser Absicht. Wir haben die Absicht, dass Allah unsere Taten annimmt, InshaAllah, und dass wir dem Propheten ﷺ folgen. Der Prophet hat uns alles gesagt, was wir tun sollen – wie wir es tun sollen, was wir tun sollen, wann wir es tun sollen, wie viel wir davon tun sollen – alles, alles hat er uns auf perfekte Weise gesagt. Davon tun wir so viel, wie wir können und wie wir erkennen – so viel wie möglich. Und das macht uns bereits happy. Das macht uns bereits glücklich.
Du kannst allerdings nicht sagen, dass du jetzt auf diesem Level bist, MashaAllah, oder irgendetwas in der Art. Nee. Du folgst der Sunnah des Propheten ﷺ, mit dieser Absicht. Und die Absicht ist – da drin steckt auch, nichts zu sein, nichts zu beanspruchen – das darf man nicht vergessen. Und so gibt es tausend Dinge. Und da spielt sich unser tägliches Leben ab – das ist der Sinn.
Das ist schon der Sinn des Lebens. Der erfüllt dich. Der macht dich glücklich. Und er macht die Menschen unglücklich, die diesen Sinn nicht sehen und überhaupt keinen Sinn erkennen. Das führt sehr viele von ihnen zum Selbstmord, zum Suizid. Wenn du die fragst, warum das so ist, oder den Psychologen fragst, dann sagen sie, sie sehen den Sinn des Lebens nicht. „Gibt keinen Sinn.“ Es gibt ja auch keinen Sinn dann – für den, der diesen Sinn nicht erkennt, gibt’s ja keinen Sinn. Da gibt’s keinen Sinn.
Und Sünde – wie ich schon so oft gesagt habe: Das Wort „Sünde“ bedeutet im lateinischen Wortlaut „das Ziel verfehlen“. Der Sheikh sagt oft sinning, sin, sins und spricht von Sünden. Die Übersetzung davon ist: „Das Ziel verfehlen.“ Du zielst auf etwas (Sheikh Hassan imitiert einen Bogenschützen beim Anvisieren) – du möchtest ein Ziel erreichen, und du verfehlst das Ziel. Du triffst nicht das Ziel, du schießt daneben, sozusagen. Das ist Sünde – im Lateinischen. Das ist ein sehr interessanter Aspekt – der macht wieder Sinn. Der macht Sinn: „Das Ziel verfehlen.“ Das Lebensziel verfehlen, den Sinn des Lebens nicht erkennen – verfehlen – verfehlt. Möge Allah uns schützen, InshaAllah, vor Verfehlungen. Und möge Er uns führen, unseren Sinn immer zu erkennen; und einfach, einfach, einfach zu dienen – einfach dienen.
Der große Sheikh, der große Meister Abu Yazid al-Bistami fragte: „Wie soll ich Dir dienen? Du bist Allah. Was brauchst Du? Wie soll ich Dir dienen? Sag mir, wie soll ich Dir dienen?“ – hat er gefragt und zur Antwort bekommen: „Diene Meinen Dienern. Diene Meinen Dienern – und dann dienst du Mir.“
Klare Antwort. Diene den Menschen, so viel du kannst – deinen Mitmenschen –, dann dienst du Allah, InshaAllah.
Wa min-Allahi at-taufiq, bi hurmati al-Fatiha.
