Der Mensch ist vergesslich

Sohbat Sheikh Hassan

Freitag 29. Mai 2026, Osmanische Herberge

Trotz unserer Unzulänglichkeiten und Sünden, die wir begehen, bitten wir um Nachsicht und Barmherzigkeit dafür, dass wir in einer Sohbat anwesend sein dürfen, in der die Freunde Allahs — unsere Sheikhs und Mashayikhina, und unser Sheikh speziell — uns von Herz zu Herz Dinge übermitteln, die von Wichtigkeit sind und ohne zeitliche Begrenzung. Also für die Ewigkeit, inshallah.

Hat jemand eine Frage? Ja, Cengiz. Der hat immer Fragen, mashallah.

Cengiz: Also, es geht um das Wort „wiederholen“. Aber wenn man „sich“ davor setzt, dann heißt das ja, „Sich wiederholen.“ Hat es vielleicht eine andere Bedeutung?

Sheikh Hassan: Sich wiederholen?

C: Was holen? Ist da was verloren gegangen oder sowas? Hat da vielleicht etwas eine ganz andere Bedeutung?

SH: Ja klar! Im Gedächtnis ist gerade eine Lücke und da ist was verloren gegangen.

C: Genau. Irgendwas ist verloren.

SH: Ja es ist gerade durchgeflutscht und dann wiederholen wir uns halt noch mal.

C: Also hat das jetzt keine spezifische Bedeutung?

SH: Nee. Es hat die spezifische Bedeutung des Esels, der nichts kapiert — oder der es kapiert und dann vergisst, und dann die gleichen Fehler macht — und man ihm das wieder sagt. So wie der Sheikh dem Murid Dinge tausend mal sagt … und das ist nicht übertrieben oder so. Tausendmal, zweitausendmal, solange man lebt sagt der Sheikh immer wieder …

C: Viele Sachen werden ja wiederholt bei den Sohbats.

SH: Die werden wiederholt. Und es gibt auch einen Spruch, ähm, wie heißt der im Deutschen? Wiederholung ist die Grundlage zum Lernen. Zum Lernen ist ja die Wiederholung die Grundlage. Wenn das Kind in der Schule Vokabeln lernt, in Englisch oder so, dann muss es das wiederholen, bis es drin sitzt. Das wird immer wiederholt. Immer wiederholt. Der Sinn des Wortes, oder der Sinn der Übersetzung, oder die Übersetzung selbst, wird immer wieder wiederholt. So lange, bis sie bleibt. Das ist die Grundlage vom Lernen.

Da gibt’s so einen Spruch, aber der fällt mir jetzt gerade nicht ein.

C: Damit das in Fleisch und Blut übergeht?

SH: Ja, richtig. Und das geht uns ja in allem so, mit den Ratschlägen des Propheten, sallallahu alayhi wa sallam, die uns auf verschiedene Weise erreichen. Entweder direkt durch das Lesen von Hadithen, die man sich auch aneignen muss und die man auch wieder vergisst, oder durch die täglichen Ratschläge des Sheikhs — und die sind uns natürlich am nächsten. Auch in den Ansprachen von Sheikh Muhammad, Sheikh Mehmed, gibt es viele Wiederholungen. Das sind keine Sachen, die nur ein einziges Mal gesagt wurden.

Da gibt’s schon viele Sachen jetzt. Im Jahr 2014 hat Maulana Sheikh Nazim, qaddas Allahu sirra aliya, die Welt gewechselt, den Ort gewechselt, und wir haben jetzt 2026. Das sind 12 Jahre, in denen Maulana Sheikh Muhammad uns Ratschläge gibt — prägnante, kurze Ratschläge. Und da sind natürlich ganz viele Wiederholungen drin. Wenn man dann nachguckt, sich die alle anguckt, dann gibt’s da ganz viele Wiederholungen. Weil wir die (Ratschläge) vergessen. Wir vergessen die.

Und das ist unsere Eigenschaft. Die Haupteigenschaft des Menschen ist seine Vergesslichkeit. Das ist eine Schwäche. „Wahrlich, Wir haben den Menschen schwach erschaffen“, steht im Koran. Und dann steht auch an anderer Stelle, auch im Koran — alles steht im Koran — dass er (der Mensch) vergesslich ist. Und sein Name, Insan, kommt tatsächlich von der Bedeutung der Vergesslichkeit. Wie heißt es? Nisyan. Nisyan ist die Vergesslichkeit. Und der Mensch heißt Insan. Da steckt die Vergesslichkeit schon drin. In der Bezeichnung „Kategorie Mensch“ ist die Vergesslichkeit schon drin. Natürlich. Wir vergessen doch ständig: „Ach, ich habe was vergessen.“

Der Berliner sagt, „Watte nich im Kopp hast, musste in de Beene haben.“

Was man nicht im Kopf hat, muss man in den Beinen haben. Du hast es vergessen. Also gehst du zurück ins Haus und holst, was du vergessen hast. Oder du musst dahin, oder noch weiter, oder noch etwas nachschicken und noch schlimmer … Unglaubliche Sachen. Alles nur wegen Vergesslichkeit. Wir bestehen aus Vergesslichkeit, aus Fehlern. Dadurch entstehen ohne Ende Fehler — durch die Vergesslichkeit. Wenn wir nicht vergessen würden, ein Ding nach dem anderen machen würden, dann würde das ganz anders aussehen. Aber Allah hat es so erschaffen. Er hat uns so erschaffen. Damit wir nicht stolz werden und sagen, „Wir sind vielleicht perfekt, und ich vergesse meine Autoschlüssel nicht im Auto und lass es offen.“ (lacht)

Nicht dass wir auf die Idee kommen, perfekt zu sein — perfekt ist nur Allah, und sein Prophet ﷺ — sondern wir sind schwach. Das hat seinen Sinn. Damit wir bescheiden sind. Und wir sollen wissen, dass wir schwach sind. Und Maulana Sheikh Nazim hat so oft gesagt, und betont, dass wir sagen sollen, dass wir schwach sind — auch zu uns selbst — und uns das eingestehen und Allah gegenüber sagen sollen: „Ya Allah, ich bin schwach. Hilf mir!“

Nicht, „Ich bin stark, ich kann alles machen.“

Wenn du sagst, du bist stark, du kannst alles machen, dann sagt Allah, subhana wa ta’ala, zu dir: „Okay, dann mach mal. Ich lass dich. Du kannst es ja alleine. Du bist ja stark.“

Und du kannst nichts alleine. Nichts (lacht). Überhaupt nichts. Du kannst nicht mal atmen alleine. Denkst du etwa, du kannst alleine atmen?

„Atmen ist ja nicht jetzt so schwierig, würde ich sagen. Geht ja von alleine, irgendwie. Also brauche ich da jemand?“ — Ja, auch fürs Atmen brauchst du Allah, Der dir deinen Atem schenkt, deinen Atem gewährt. Du kannst gar nichts alleine. Und das sollen wir wissen. Das sollen wir wissen, das sollen wir einsehen und das sollen wir verstehen — unsere Lage. Unsere Lage vor Allah ﷻ, sagt der Sheikh, ist es, Nichts zu sein. Du kannst keine Ansprüche stellen und sagen, „Ja, das habe ich jetzt aber gemacht.“

Wenn der Sheikh kommt, und irgendwas ist gemacht worden, in der Dergah, oder in der Moschee oder so, dann sagt er: „Oh, mashallah! Wer hat das denn gemacht?“

Dann sagt der, der das gemacht hat: „Ich! (Sheikh Hassan hebt mit übertriebener Eifrigkeit die rechte Hand wie ein Schüler.) Ich war das, Sheikh.“

Nee, das warst du nicht. Was soll der Sheikh sagen? Der Sheikh sagt (Sheikh Hassan ahmt mit ironischer Miene einen väterlichen Tonfall nach), „Gut gemacht, Junge. Weiter so.“

Und dem Propheten ﷺ wird gesagt, in der Schlacht von Uhud, wo er den Pfeil schießt (beziehungsweise den Speer wirft),

„Nicht du hast geschossen, sondern Wir haben geschossen.“
(Koran 8:17)

C: Kann man auch sagen, „Allah hat es mir gewährt“?

SH: Natürlich, das kannst du sagen. Natürlich. Allah hat es ihm gewährt. Allah hat ihm gewährt, dass es durch seine Hand passiert. Er gewährt dir, dass es durch deine Hand passiert. Genauso gewährt er dir Rizq, deinen Lebensunterhalt. Du rackerst dich ab und du arbeitest, und du hast Schicht und ich weiß nicht was. Und es ist schwierig, und anstrengend und schweißtreibend und so weiter, und nicht einfach.

Und dann sagst du natürlich irgendwie: „Das mache ich ja alles.“

Und das ist nicht so, in Wahrheit. In Wahrheit ist dein Rizq — dein Geld, sagen wir mal jetzt speziell — dein Geld, was du im Monat bekommst, ist geschrieben. Dein Rizq ist geschrieben von Ar-Razzaq. Und Er gewährt dir, und gibt dir Ehre dadurch, dass es durch deine Hände passiert. Durch deiner Hände Arbeit — dass du arbeiten gehst, dich abrackerst und viel machst. Es ist eine Ehre, die Allah dir gibt, dass dein Rizq dadurch beschafft wird, dass du arbeitest.

Aber in Wirklichkeit ist das Rizq schon festgelegt … wie viel, und was und so. Und wenn du nicht arbeitest, dann kommt Bürgergeld — oder ich weiß nicht was. Oder jemand bettelt in Indien — oder ich weiß nicht wo, auch hier in Deutschland, inzwischen — und es wird ihm das gegeben, was Allah ihm zugedacht hat.

Das sollen wir wissen, damit wir nicht stolz werden. Das ist alles dazu da, damit wir nicht stolz werden. Denn selbst ein kleines bisschen Stolz … Selbst wenn es nur ein Millimeter ist, ein Milligramm oder ein Tausendstel Milligramm oder weniger, hast du einen Rest von Stolz, wie auch immer geartet, wo du sagst: „Irgendwie habe ich ja auch … Muss ich ja schon sagen, habe ich ja auch irgendwie … Ja, es ist Allah und so, klar. Aber eigentlich habe ich ja auch — eine Beteiligung, zumindestens.“

Was kommt in dem Moment? Partnerschaft. Sharik. Shirk. Shirk al-Khafi, versteckte Shirk — was die meisten Menschen haben, weil sie Ego haben. Wenn wir Ego haben, sind wir Mushrik, in dem Moment. Mushrik. Du sagst, „Ja Allah, das ist okay …“

Selbst wenn du Muslim bist, und du hast Tariqat und einen Sheikh und alles, und sagst, „Ja, alles klar. Ich geh zum Dhikr und Juma und alles und so. Aber jetzt muss ich gerade mal wieder meinen schlechten Angewohnheiten folgen (lacht). Ich melde mich dann wieder, inshallah.“

Abmelden, anmelden.

„Thumma amanu, thumma kafaru“
(Koran 4:137)

„Mal glauben, mal nicht glauben.“ Wenn wir nicht glauben, dann frönen wir unserem Nafs. Dann sind wir mit unserem Nafs, nicht mit Allah. Dann bist du nicht mit Allah. Das ist eine Katastrophe, im Prinzip.

Das ist eine Katastrophe, mit der wir leben- Und wir versuchen, sie auszumerzen, auszuschalten — diese Katastrophe — indem wir immer mit Allah sind. Deswegen sagt der Prophet ﷺ, „Sei immer mit Allah.“

Und der Sheikh sagt, „Sei immer mit Allah und beklag dich nie.“

Beklag dich nie. Wisse, dass alles von Allah kommt. Das Gute und das Schlechte. Bezieh alles auf Allah. Kümmere dich nicht um das, was die Leute sagen, was die Leute machen, was sie für Politik machen, was die Nachrichten sagen, dies, das … Die machen dich nur verrückt. Sie wollen dich verrückt machen.

Sei einfach mit Allah — Der immer mit dir ist. Der immer mit dir ist und darauf wartet — sehnsüchtig darauf wartet — dass du dich Ihm zuwendest. Er hat eine große Sehnsucht, dass Sein geliebtes Geschöpf ein geliebter Diener wird und sich Ihm zuwendet. Eine Sehnsucht, die wir gar nicht kennen. Wenn wir Sehnsucht haben in unseren Herzen, dann sagen wir, „Oh, ich habe eine große Sehnsucht, große Himmah. Oh, der hat eine große Himmah. Mashallah.“

Die ist nicht von dir. Die ist auch nicht von dir — die Himmah, und die Sehnsucht. Die ist von Allah. „Und Allahs Sehnsucht ist so groß“, sagt Al-Ghazali, „die ist so groß …“ Wenn du wüsstest, wie groß sie ist, die Sehnsucht mit der Allah ﷻ dich zu Sich sehnt, dass du zu Ihm kommst — eine Sehnsucht, eine Kraft, ich weiß nicht, wie man es beschreiben soll, Sehnsucht ist ein gutes Wort, sehnsüchtig — wenn der Grad der Sehnsucht uns bekannt würde, einen Augenblick — Allah sagt jetzt, „Ich zeig dir jetzt mal ganz kurz, wie meine Sehnsucht wirklich gestaltet ist“ und nimmt den Schleier weg, für einen Augenblick — dann bist du weg. Für immer. Für immer. So groß ist Seine Sehnsucht.

Das ist nur, um uns das zu verdeutlichen … Das ist Al-Ghazali. Wenn so jemand das zu uns sagt, ist es Muhaqqaq, dann ist es Haqq.

Möge Allah uns helfen, auf unsere bescheidene Art und Weise zu folgen — so wie es uns möglich ist, uns schwachen, menschlichen Wesen — um die Absicht zu fassen, unsere Pflichten zu erledigen, so gut wir können. Und dass wir dankbar sein mögen für diesen schönen Weg. Denn es ist eine unglaubliche Schönheit, die nicht für jeden ist. Nicht jeder hat es. Muslime haben es zwar, aber so viele haben keine Tariqat. Sie haben keinen Sheikh, der sie zur wahren Herzensöffnung führt, zur wahren Schönheit, zum Geschmack der Schönheit.

Und wir sollten dankbar dafür sein und uns nur damit beschäftigen — mit nichts anderem, inshallah. Möge Allah uns bewahren.

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